Dienstag, 26. Juli 2011

Warum man Freiraum braucht um zu fliegen

Diese Geschichte des argentinischen Autors, Psychotherapeuten und Gestallttherapeuten Jorge Bucay hörten wir in der Abschiedsrunde unseres Ausreisekurses.


Als er allmählich erwachsen wurde, nahm der Vater seinen Sohn beiseite und sagte zu ihm:
„Hör mal, mein Junge, nicht jeder von uns ist mit Flügeln auf die Welt gekommen wie du.
Natürlich kann dich niemand dazu zwingen zu fliegen, aber es wäre doch jammerschade, wenn du
die Flügel, die dir der liebe Gott geschenkt hat, nicht benutzen würdest und dein Leben lang ein
Fussgänger bleiben würdest.“
„Aber ich kann doch gar nicht fliegen“ antwortete der Sohn.
„Das stimmt...“ sagte der Vater und nahm in mit auf den Berg, von dessen Gipfel sie in die Tiefe
schauten.
„Siehst du mein Sohn, das ist die Leere. Wenn du fliegen willst, kommst du hierher, holst tief Luft,
springst in den Abgrund, breitest deine Flügel aus und du wirst fliegen.“
Der Sohn hatte Zweifel. „Und wenn ich abstürze?“
„Selbst wenn du abstürzt, wirst du nicht sterben. Du wirst höchstens ein paar Schrammen
abbekommen und für den nächsten Versuch gestärkt sein“, antwortete der Vater.
Der Sohn ging ins Dorf zurück um seine Freunde zu treffen, die Kameraden, mit denen er sein
ganzes Leben lang zu Fuss umhergezogen war.
Die Kleingeistigen unter ihnen sagten zu ihm: „Bist du verrückt? Wozu das Ganze? Dein Vater hat
doch nicht mehr alle .... Warum willst du fliegen? Lass doch den Blödsinn! Wer will schon fliegen!“
Die besten Freunde rieten ihm: „Vielleicht hat er ja Recht? Aber ist das nicht gefährlich? Warum
gehst du die Sache nicht langsam an? Versuch doch erst mal von einem Treppenabsatz zu
springen oder von einem Baum. Aber gleich von einem Berg?“
Der junge Mann nahm sich die Ratschläge der Menschen zu Herzen, denen er etwas bedeutete.
Er kletterte auf einen Baum, fasste allen Mut zusammen und sprang. Er breitete die Flügel aus,
schlug sie mit aller Kraft auf und ab, aber er sauste viel zu schnell zu Boden.
Mit einer riesigen Beule auf der Stirn begegnete er seinem Vater.
„Du hast mich angelogen, ich kann gar nicht fliegen! Ich hab es ausprobiert, und schau was
passiert ist! Ich bin nicht wie du. Meine Flügel sind nur zur Verzierung da.“
„Hör mal mein Sohn“, sagte der Vater. „Um fliegen zu können, muss man erst den nötigen
Freiraum schaffen, damit sich die Flügel ausbreiten können. Es ist wie beim Fallschirmspringen:
Vor dem Absprung brauchst du eine bestimmte Höhe.
Um fliegen zu können, muss man ein paar Risiken auf sich nehmen. Wenn du das nicht willst, lässt
du es am besten sein und bleibst dein Leben lang Fussgänger.“
Jorge Bucay


Erschienen 2007 in " Komm, ich erzähl dir eine Geschichte" von Jorge Bucay unter dem Titel "Flügel sind zum Fliegen da".

Liebe Grüße, Lena

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